Antisemitismus im Neuen Testament?!

In diesem Beitrag geht es um die Nachlese aus dem Gesprächsabend vom 25.04.2022 zu einem dunklen Kapitel der Bibelwissenschaften, das noch lange nicht genug aufgearbeitet ist: Antijudaistische Stellen im Neuen Testament und antisemitische Tendenzen in der Interpretation der Bibel.

Dies ist der erste Teil unserer Reihe des Theologischen Montags im Jahre 2022 mit dem Titel „Offen für alle(s)?“: Seit dem Zeitalter der Aufklärung verstehen sich westliche Gesellschaften zunehmend als „offene Gesellschaften“ und auch die Kirchen, die sich bewusst als Teil dieser Gesellschaft sehen, bemühen sich dialogbereit und integrierend – eben offen – aufzutreten. Doch sowohl in der biblischen Überlieferung als auch in der Kirchengeschichte und in der Gegenwart begegnen uns immer wieder Phänomene der Ab- und Ausgrenzung, wie etwa Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht, einer Ethnie oder Religionsgemeinschaft oder aber das Verabsolutieren der eigenen Meinung bis hin zur Wissenschaftsfeindlichkeit oder dem Glauben an Verschwörungserzählungen. In unserer neuen Reihe wollen wir der Frage nachgehen, wie offen unsere Kirche eigentlich war und ist und welchen Platz sie in einer offenen Gesellschaft einnehmen kann.

Eigentlich ist die Frage, ob antisemitische Grundhaltungen in unseren Kirchen und Gemeinden einen Platz hat, von allen großen protestantischen und katholischen Kirchen in Deutschland nach der Erfahrung der Schoah mit Vehemenz bestritten worden. Dazu gab es jahrzehntelange theologische Prozesse, die in offiziellen Verlautbarungen mündeten, z.B. die Reihe „Christen und Juden I–III“ (1975, 1991, 2000) der EKD. Jedoch bleiben antisemitische Haltungen in den Köpfen. Sie finden sich beispielsweise in den seit der Pandemie wieder aufgekommenen Verschwörungstheorien, aber auch in vielen Fällen unerkannt in den theologischen Lehrbüchern, in den Bibelauslegungen und Kommentaren und schlimmstenfalls auf der Kanzel.

Inhalt dieses Beitrags:

Begriffe

Antisemitismus meint Judenfeindschaft in Bezug auf eine konstruierte Rasse, einen konstruierten Status oder einen politischen Einfluss. Bezieht man sich in seiner Feindschaft ausschließlich auf die jüdische Religion spricht man von Antijudaismus. Antizionismus dagegen beschreibt die feindselige Haltung gegenüber dem Zionismus und dem Staat Israels.

Die klassischen Argumente für christlichen Antijudaismus sind folgende:

  • Absprache des Heils, des Status des Eigentumsvolks Gottes, des Bundes mit Gott
  • Ablösung des Judentums als das „Alte“, Auffassung das Christentum hätte das Judentum beerbt
  • Vorwurf der Tötung des Messias – „Gottesmörder“
  • einseitige Sichtweise – Juden als buchstabentreue Halter des Gesetzes, die dabei den eigentlichen Zugang zu Gott verkennen (insbesondere die Pharisäer)

Über viele Jahrhunderte war eine antijudaistische bzw. antisemitische Haltung auch und besonders in christlichen Kreisen leider völlig normal. Am Ende des 19. Jahrhunderts begann diese Haltung Formen anzunehmen, die schließlich in der Shoah gipfelten. Leider scheint sich nicht nur die neutestamentliche Wissenschaft davon zu wenig distanziert zu haben, auch in den Gemeinden werden antisemitische Vorurteile weiter unkritisch geäußert oder es wird sogar Verschwörungstheorien mit antisemitischen Inhalten angehangen.

Aus dem Giftschrank – Auszug aus einer „neutestamentlichen Fachzeitschrift“ von 1943

„e) Kampfmittel aus dem Alten Testament gegen das Judentum

Auch wo Jesus sonst gelegentlich sich auf das Alte Testament beruft, geschieht das nicht, um seine Übereinstimmung mit der heiligen Schrift des Judentums zu betonen, sondern weil er es im Kampf gegen das Judentum verwenden kann. Das Alte Testament ist ja ein religionsgeschichtliches Kompendium der Erscheinungswelt der Religion und enthält von den primitiven bis zu den hoch entwickelten Glaubensformen religiöse Überlieferungen vieler Völker und Rassen, die vom Judentum mittelbar oder unmittelbar aufgenommen und im Sinne des jüdischen Endziels, der Weltherrschaft durch das Mittel der Religion, bearbeitet wurden. Das eigentümliche Jüdische ist daher oft nur eine dünne Schicht von Zutaten der Bearbeiter, und manche Überlieferungen sträuben sich überhaupt dagegen, im Sinne des jüdischen Erwählungsanspruches verwendet zu werden. So greift Jesus aus der Fülle des Stoffes das heraus, was seinen Zwecken dient, ohne sich damit irgendwie an das jüdische Buch als solches zu binden. In seiner Nachfolge hat sich auch die christliche Gemeinde Waffen im Kampf gegen das Judentum aus dem Rohstoff der alttestamentlichen Überlieferungen geschmiedet. So wird man im einzelnen oft zweifelhaft bleiben, ob Jesus selbst ein bestimmtes Wort oder Beispiel aus dem Alten Testament aufgenommen hat, oder ob das erst die christliche Gemeinde getan ist [sic!].“

Aus: Georg Bertram, Jesus und das Buch, in: Walter Grundmann (Hg.), Germanentum, Judentum und Christentum. Studien zur Erforschung ihres gegenseitigen Verhältnisses, Bd. 3, Leipzig 1943, 347–422, 381.
An welchen Stellen wird das Judentum negativ beschrieben? Wie wird Jesus dargestellt?

Biogramme

Walter Grundmann

1906–1976, Studium der Theologie in Leipzig, Rostock, Tübingen, Dissertation bei Gerhard Kittel (1930–1932), seit 1932 NSDAP-Mitglied, 1934 Mitglied der SS, Mitglied der Deutschen Christen, 1936 ohne Habilitation Lehrstuhl an der Theologischen Fakultät Jena für „Neues Testament und Völkische Theologie“, Akademischer Direktor des „Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ (1939–1945), Mitarbeit am Theologischen Wörterbuch zum Neuen Testament, Verfasser zahlreicher Kommentare zum Neuen Testament, die heute noch als theologische Standardwerke gelten und verwendet werden, nach kurzer Pause nach dem Krieg erhielt er verschiedene Lehraufträge für den Nachwuchs im Verkündigungsdienst in Leipzig und Eisenach, wo er Generationen von Pfarrer:innen, Katechet:innen und Kirchenmusiker:innen prägen konnte.

Georg Bertram

1896–1979, Studium der Theologie, Promotion im Fach Neues Testament, ab 1925 Lehrstuhl in Gießen, Mitglied von NS-Lehrer- und -Dozentenbund, ab 1939 Mitglied am „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“, ab 1955 Dozent an Goethe-Universität in Frankfurt.

Bis Dezember 2022 läuft eine Sonderausstellung in Eisenach über die grauenhafte Arbeit des genannten „Entjudungs-Instituts“: https://www.lutherhaus-eisenach.com/entjudungsinstitut. 

Schon nach dieser kurzen Probebohrung wird klar: Eine wirkliche Entnazifizierung bei den Theologen des 20. Jahrhunderts gab es kaum. Bis heute werden das Theologische Wörterbuch zum Neuen Testament und Kommentare aus dieser Zeit oder solche, die später wieder aufgelegt wurden, recht unkritisch zur Predigtvorbereitung oder in der Wissenschaft verwendet. Auch auf den ersten Blick unverdächtige Werke arbeiten unter Umständen mit einem Bild vom Judentum, das mindestens antijudaistisch geprägt ist, z.B. der Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch von Paul Billerbeck. Das hat Einfluss auf unser Bild auf das Judentum im 1. Jahrhundert und bis heute, auf unsere Interpretation von Jesus und Paulus und Stellen des Neuen Testaments, die einen Konflikt mit dem Judentum beschreiben. Ein frischer Blick auf das Judentum und eine nachträgliche Entnazifizierung unserer Bibelinterpretation ist daher zwingend notwendig!

Das Judentum des 1. Jahrhunderts

Römisch anmutende Säulen vor einer Steinwand: Die Reste der Synagoge von Kapernaum.
Die Synagoge in Kapernaum, Foto David Shankbone.
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c2/Capernaum_synagogue_by_David_Shankbone.jpg

Quellen:

Monotheismus?! – Monolatrie!

Fremdbild eines Römers

„Die Juden gehen in ihrem Denken von nur einer einzigen Gottheit aus. Sie [halten] diejenigen für gottlos, die aus irdischen Materialien Bilder von Gott in der Menschen Weise herstellen. Jenes höchste und ewige [Wesen] ist weder nachahmbar, noch verschwindet es. Daher haben sie keine Götterbilder in ihren Städten, noch in ihren Tempeln aufgestellt. Sie schmeicheln ihren Herrschern nicht, noch ehren sie die Kaiser.”

Publius Cornelius Tacitus (58–120 n.Chr.), Historien, V,5.

Tatsächlich beten Jüdinnen und Juden im 1. Jahrhundert nur eine Gottheit an. Was viel weniger bekannt ist: Ihre Himmel waren trotzdem reich bevölkert mit Zwischenwesen. Engelgestalten waren im 1. Jahrhundert fester Bestandteil der jüdischen Kosmologie genauso wie Dämonen. Für die Griechen und Römer war die Anbetung von nur einer Gottheit (Monolatrie) eine seltsame Vorstellung. Sie kannten unzählige Göttinnen und Götter. Solche aus neuen Gebieten wurden dem bereits vorhandenen Pantheon angeglichen oder einverleibt. Auch einige Kaiser wurden nach ihrem Tod, manchmal schon zu Lebzeiten, als Götter verehrt (Kaiserkult). In griechischen und römischen Städten gab es oft eine große Anzahl von Tempeln, die jeweils ein Bildnis des zu verehrenden Gottes oder der Göttin enthielten. Daneben gab es zahlreiche Standbilder auf den Straßen und auf den Hausaltären in den Wohnhäusern. Im Judentum dagegen war die Herstellung von Götterbildern verboten:


‎ לֹֽ֣א תַֽעֲשֶׂ֙ה־לְךָ֥֣ פֶ֣֙סֶל֙׀ וְכָל־תְּמוּנָ֡֔ה אֲשֶׁ֤֣ר בַּשָּׁ֙מַ֣יִם֙׀ מִמַּ֡֔עַל וַֽאֲשֶׁ֥ר֩ בָּאָ֖֙רֶץ מִתַָּ֑֜חַת וַאֲשֶׁ֥֣ר בַּמַּ֖֣יִם׀ מִתַּ֥֣חַת לָאָֽ֗רֶץ׃
‎ לֹֽא־תִשְׁתַּחְוֶ֥֣ה לָהֶ֖ם֘ וְלֹ֣א תָעָבְדֵ֑ם֒
Du sollst für dich kein Götterbildnis herstellen und auch kein Abbild von etwas, was oben im Himmel ist oder von dem, was unten auf der Erde ist, oder von dem, was unter der Erde im Wasser ist.

2. Mose 20,4–5a

Entsprechend enthielt das Allerheiligste im Tempel in Jerusalem „nur“ die Bundeslade.

Die Torah

Im Griechischen wird für die fünf Bücher Mose der Begriff ὁ νόμος – ho nomos – „das Gesetz“ gebraucht (vgl. die Wortwahl von Paulus). Der Begriff zielt jedoch nicht nur auf die darin befindlichen Einzelregelungen, sondern genauso auf die Erzähltexte und weisheitlichen Stücke. Die Torah ist ein Identitätsmarker. Sie enthält die Anleitung dazu, wie jüdische Menschen im Einzelnen, aber auch das ganze Volk sich verhalten sollen, um in dem Bund mit ihrem Gott zu bleiben, der darin in mehrfacher Erneuerung beschrieben ist. Die Person des Mose spielte als Verfasser, Gesetzgeber und vorbildlicher Prophet im 1. Jahrhundert eine große Rolle. Flavius Josephus beschreibt die Bedeutung der Torah als Werbung für einen Außenstehenden folgendermaßen:

„Unsere Gesetze geben die beste Anleitung zur Gottesfurcht, zur Gemeinschaft miteinander und zur umfassenden Menschenfreundlichkeit sowie zur Gerechtigkeit, zur Ausdauer in Beschwerden und zur Todesverachtung.“

Flavius Josephus, Contra Apionem, 2,146.

Einige jüdische Gruppierungen des 1. Jahrhunderts im Überblick

Ähnlich wie die christliche Landschaft heute, gab es im 1. Jahrhundert kein einheitliches Judentum. Verschiedene Gruppierungen legten Wert auf unterschiedliche Dinge und hatten andere Arten ihre Schriften auszulegen und einen verschieden hohen Grad an Hellenisierung erfahren. Einige Gruppen begegnen im Neuen Testament, andere kennen wir nur durch die Beschreibungen des Flavius Josephus. Die Essener zum Beispiel werden mit der Gemeinschaft in Qumran in Verbindung gebracht, deren Bibliothek uns zum Teil erhalten ist.

SadduzäerEssenerPharisäerZeloten
CharakterOberschicht; Priesteraristokratie (Bezug zum Tempel; relativ gute Beziehungen zu den Römern)Absonderung nach der Makkabäerzeit (165 bis 63 v. Chr.), leben strenge Ideale, z.T. klösterlich, Kritik am Tempel„Mittelschicht“; seit Makkabäerzeit als reformerische Laienbewegung; ReinheitsidealPolitische Widerstandsbewegung seit der Volkszählung (6 n.Chr.)
TheologieErkennen nur Torah an; lehnen prophetische Endzeithoffnung und Messiaserwartung abBewusstsein eigener Erwählung; dualistische Weltsicht; erwarten GottesherrschaftTorah und mündliche Überlieferung; erwarten Gottesherrschaft, Messias, AuferstehungErwarten Gottesherrschaft – setzen sich „aktiv“ (Guerillakampf) dafür ein
Aus: Lernkarten Bibelkunde, Göttingen 2018.

Daneben gab es die Trägerkreise von apokalyptischem Gedankenguts, z.B. der Henochliteratur. Diese Kreise einten gewisse weitere Identitätsmarker.

Weitere Identitätsmarker

Fast alle diese Identitätsmarker waren für Griechen und Römer zum Teil fremd und sorgte für Vorbehalte. Ein freier Tag in der Woche konnte als Faulheit wahrgenommen werden. Die strengen Speisegebote hielten Juden unter Umständen von gemeinsamen Mahlzeiten mit ihren Nachbarinnen und Nachbarn oder vom gesellschaftlichen Engagement ab, wo gemeinsame Mahlzeiten ein wichtiger Bestandteil waren. So gab es auch schon in der Antike antijudaistische Vorbehalte und auch lokale Verfolgungen (z.B. wurde der jüdische Tempel im ägyptischen Elefantine um 410 v.Chr. durch Ortsansässige zerstört).

Antijudaismus im 1. Jahrhundert

Der jüdische Schriftsteller Flavius Josephus wettert zu Recht im zweiten Buch seiner Schrift zur Verteidigung des Judentums gegen Apion gegen eine alte, verleumderische Ritualmordgeschichte. Solche Geschichten trafen jedoch nicht nur jüdische Menschen in der Antike. Sie sind beispielsweise auch im Rahmen der Quellen um die Verschwörung um Catilina überliefert. Über die Jahrhunderte tauchen sie allerdings immer wieder in ähnlicher Form in antisemitischen Kontexten auf.

Diese Geschichte bildet ein Extrem. Woran sich Römer und Griechen wohl am meisten störten, war die jüdische Monolatrie. Die Verehrung möglichst vieler Göttinnen und Götter zum Wohle des Staates gehörte zur Bürgerpflicht in der Antike. Bei einer Enthaltung wurde der Zorn der Götter gegen den Staat gefürchtet. Der Vorwurf der Gottlosigkeit (Asebie) an die Juden war eine der heftigsten Anklagen, die zur Todesstrafe führen konnte. Dazu kam die gewisse politische Aufmüpfigkeit der Bewohner Palästinas. Immer wieder machten sie aus römischer Sicht Ärger, weil sie sich in ihrer religiösen Freiheit eingeschränkt fühlten. Dies gipfelte im jüdischen Krieg um 70 n.Chr. und der Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Andererseits genossen die Juden im römischen Reich auch gewisse religiöse Freiheiten und waren im gewissen Sinne attraktiv für Außenstehende. Wir haben viele Nachrichten von sogenannten Gottesfürchtigen und Proselyten in den Synagogalgemeinden. Gottesfürchtige waren Interessenten am jüdischen Glauben und Sponsoren nichtjüdischen Glaubens. Proselyten waren nichtbeschnittene Konvertiten.

Die Sache mit dem Christus

Viele jüdische Menschen im 1. Jahrhundert erwarteten einen Messias, eine rettende Heilsfigur, in der Regel als polititscher Befreier gedacht. Diese Hoffnung hörte auch nach dem Christusereignis für diejenigen nicht auf, die nicht zur Christusgruppe gehörten: Um 135 beispielsweise wurde Bar Kochba zu einer solchen Figur und von Rabbi Akiba zum Messias erklärt.

Die Gruppe, die sich zunächst um den lebenden Jesus, später um den auferstandenen Christus bildete, war demnach jüdische Gruppierung, die sich ganz innerhalb der jüdisch-hellenistischen Denkmuster bewegte und auch jüdische Identitätsmarker teilten. Jesus, die zwölf Jünger, auch Paulus waren und blieben Juden.

Wann kann man eigentlich von einem verfassten Christentum sprechen?

Im Judentum gab es im 1. Jahrhundert eine Ämterhierarchie, einen zentralen Kultort, eine heilige Schrift, auf die man sich beziehen konnte, festgelegte Identitätsmarker und Rituale sowie dezentrale Orte der Gemeinschaft (Synagogen). All das hatten Mitglieder der Christusgruppe frühestens im 3. Jahrhundert, eher im 4. Erst in dieser Zeit gab es eine offizielle Instanz, die zwischen rechter und falscher Lehre unterscheiden konnte. Bis dahin müsste man eigentlich vom den Christen als Anhänger einer jüdischen Splittergruppe sprechen. Die neutestamentliche Forschung nutzt daher heute Begriffe wie Jesus-Gruppe, Jesus-Bewegung oder Christus-Gruppe, um die Menschen der ersten Gemeinden zu benennen.

„Inzwischen kann es weitgehend als Konsens gelten, dass sich das Christentum, mindestens das der ersten drei Jahrhunderte, als eine ‚polymorphe Erscheinung’ erweist, ‚deren Identität erst im Erscheinen begriffen ist’. Die historischen Rekonstruktionen münden in neue Metaphern, etwa im Bild einer vielspurigen Autobahn, auf der vielfaches Spurwechseln durchaus zu Karambolagen führt, von verschlungenen Pfaden auf moorigem Untergrund, die nur Fährtenleser oder der Wilderer entziffern können, von Tanzgruppen mit Partnerwechsel, von denen alle Betrachtenden nur Momentaufnahmen erhaschen, im Bild eines Busches mit mehreren Stämmen oder eines Wellendiagrammes mit sich ständig wieder verschiebenden Kontaktzonen.“

Angela Standhartinger, „Parting of the Ways“. Stationen einer Debatte, in: Evangelische Theologie 6, 2020, 406–417, 415f.

Tatsächlich gab es lange Zeit Anhänger der Christus-Gruppe, die jüdische Rituale durchführten und sich an die Speisegebote und Reinheitsregeln hielten, auch wenn sie vorher kein jüdisches Bekenntnis hatten (auch heute noch gibt es solche messianischen Juden). Auch von außen waren die beiden Gruppen scheinbar schwer unterscheidbar. So hatten römische Quellen bis weit ins zweite Jahrhundert Mühe, die beiden Gruppen wirklich auseinander zu halten (die ausschließlich von Tacitus bezeugte angebliche Christenverfolgung nach dem Brand Roms 64 n.Chr. wird heute weitestgehend als unzutreffend eingestuft). Bis heute lesen Christen die heiligen Schriften der Juden als Teil ihrer eigenen. Genauso sind die neutestamentlichen Bücher in der Regel Texte, die von Juden verfasst wurden (das gilt mindestens für die Paulusbriefe wie auch die Evangelien). In der Forschungsliteratur begegnet uns dieser Fakt jedoch noch anders: Die Autoren der Evangelien werden beispielsweise in Juden- und Heidenchristen unterteilt, ohne über die richtige Einteilung einen Konsens zu finden.

„Möglicherweise ist er [der Evangelist Lukas] ein ‚Gottesfürchtiger’, ein ehemals der Diaspora-Synagoge nahe stehender Heidenchrist; andere vermuten einen hellenistisch gebildeten Judenchristen.“

David C. Bienert, Bibelkunde des Neuen Testaments, Gütersloh 32021, 77.

Selbst in der Zeit, in der mehr Mitglieder zu den Christusgruppen gehörten, die vorher keine jüdischen Gemeindeglieder waren, war die christliche Lehre noch lange nicht unabhängig von ihren jüdischen Wurzeln und die Einhaltung jüdischer Regeln keinesfalls obsolet.

Woher kommen nun aber die Spannungen, die wir in den neutestamentlichen Texten wahrnehmen? Eine antike jüdische Synagogalgemeinde in der Diaspora vereinte in der Regel verschiedene Gruppierungen. Einerseits waren sie einzuteilen nach dem Grad ihrer ethnischen Verbindung mit dem Judentum: geborene Juden und gewordene Juden, wobei man dort noch zwischen zwei Gruppen unterscheidet. Die Proselyten waren komplett konvertierte Personen, das hieß, dass die Männer noch im Erwachsenenalter beschnitten wurden. Die Gottesfürchtigen konnten eine sehr unterschiedliche Nähe zur Gemeinde haben, von reiner monetärer Förderung bis hin zu einem Vorproselytenstatus.

Die Forschung geht heute davon aus, dass die Christusgruppe vor allem in diesen beiden Gruppen Missionserfolge verzeichnete. Nun gab es neben den vielleicht bereits vorhandenen unterschiedlichen theologischen Strömungen eine weitere, die in vielen Fällen sehr von ihrer Meinung überzeugt war und in vielen Fällen die jüdische Lebensführung aufgab.

Visualisierung: Nicole Oesterreich

Es ist recht typisch, dass die Nähe von zwei Gruppen zu umso heftiger ausgetragenen Konflikten führt. Insgesamt sind die im Neuen Testament anklingenden Konflikte keine zwischen zwei Religionen, sondern zwischen zwei unterschiedlichen Auffassungen der gleichen Religion.

Antijudaistische Tendenzen in neutestamentlichen Texten?

Es gibt einige sehr deutlich gegen „Juden“ gerichtete Texte im Neuen Testament. Zu den bekanntesten gehören die folgenden drei Verse im Brief des Paulus an die Gemeinde in Thessalonich.

1Thess 2,14–16

14 Denn, Geschwister, ihr seid Nachahmer der Gemeinden Gottes geworden, die in Judäa sind in Christus Jesus, weil auch ihr dasselbe von den eigenen Landsleuten erlitten habt wie auch sie von den Juden, 15 die sowohl den Herrn Jesus als auch die Propheten getötet und uns verfolgt haben und Gott nicht gefallen und allen Menschen feindlich sind, 16 indem sie – um ihr Sündenmaß stets voll zu machen – uns wehren, zu den Nationen zu reden, damit die errettet werden; aber der Zorn ist endgültig über sie gekommen.

1Thess 2,14–16

Tatsächlich hat dieser Text eine unrühmliche Rezeptionsgeschichte. Die Sache mit der Tötung Jesu durch die Juden war ein Hauptargument im späteren christlichen Antijudaismus. Aber was ist eigentlich gemeint? Paulus parallelisiert an dieser Stelle die Gemeinde in Thessalonich mit den Gemeinden in Judäa, was die Verfolgung durch die eigenen Landsleute angeht. Paulus selbst hatte ja vor seiner Christusvision als eifernder Anhänger der Pharisäer die Mitglieder der Christusgruppe verfolgt (Gal 1,13f.), um die väterliche Überlieferung zu bewahren (πατρικῶν παραδόσεων).

Die „Juden“ sind in diesem Text jedoch nicht alle jüdischen Menschen, sondern Paulus wettert gegen eine bestimmte Gruppe, die in seiner Interpretation die Tötung von Jesus vorangetrieben hatte und später auch die ersten Gemeinden der Christusanhänger und Paulus verfolgten. Sie versuchten scheinbar mit aller Kraft die Ausbreitung dieser neuen Variante des Judentums zu verhindern, indem sie den Christusanhängern die Predigt in den Synagogen verweigerten: Eben weil sie die Überlieferung der Väter und damit ihre eigene Interpretation des Judentums durchsetzen und erhalten wollten.

Paulus wird unter anderem deshalb an dieser Stelle so deutlich, weil es sich um eine innerjüdische Auseinandersetzung handelt. Diplomatie braucht es hier viel weniger als bei einem Konflikt mit Außenstehenden. Vermutlich ist Paulus von dieser Gruppe als abtrünniger Rechtgläubiger betrachtet worden. Paulus wiederum sah nach seiner Christusvision das Heil für seine Glaubensgenossen nicht als verloren an. Aber er hielt es für eine Sünde, nichtjüdischen Menschen das Heil, das sie durch die Christusbotschaft erlangen konnten, zu verwehren. Man kann sich vorstellen, dass der Konflikt von beiden Seiten scharf geführt wurde.

Schon hier (50/51 n.Chr.) wird deutlich, dass das Zusammenleben der Anhänger des Christusglaubens (Juden) und solchen Juden, die es nicht waren, in den Synagogalgemeinden zu starken Konflikten führen konnte und wohl in vielen Fällen geführt hat.

Joh 8,31–59

Auch das Johannesevangelium zeugt etwa 50 Jahre später von diesem weiterhin scharf geführten Konflikt: In 8,31–59 wird ein langes Streitgespräch zwischen Jesus und eigentlich zum Christusglauben gehörenden Juden geschildert. Jesus versucht seine Position deutlich zu machen, aber scheinbar reden Jesus und die Angesprochenen aneinander vorbei.

In 8,40 taucht der Vorwurf wieder auf, dass die Juden Jesus töten wollten. Klaus Wengst versucht das folgendermaßen einzuordnen:

„Dieser Topos ist auf unterschiedlichen Ebenen zu betrachten. Dominant dürfte die eigene Erfahrung der johanneischen Gruppe sein. Es fanden sich gerade auch in diesem Abschnitt Indizien, dass das Problem der Apostasie eine Rolle spielte; und Apostaten mögen – wie schon gesagt – leicht dazu neigen, ihren einstigen ‚Irrtum’ in Gestalt derjenigen zu bekämpfen, die ihm noch anhängen. Die pauschale Fixierung der ‚Juden’ auf die Tötungsabsicht gegenüber Jesus dürfte Rückprojektion aus der eigenen Situation sein, in der man sich von der umgebenden jüdischen Mehrheit bedrängt fühlt. Die zweite Ebene ist die der Darstellung des Evangeliums. Hier ist es nun bemerkenswert, dass die in den Kapiteln 5, 7 und 8 pauschal ‚den Juden’ unterstellte Tötungsabsicht in Spannung zu dem steht, was Johannes in der Passionsgeschichte tatsächlich erzählt. Dort gebraucht er zwar auch die Formulierung ‚die Juden’, aber vom Kontext her ist deutlich, dass damit konkret nur die Oberpriester – und allenfalls noch ihre Diener – gemeint sind. Ihnen schreibt er größere Schuld zu als Pilatus (19,11). ‚Viele Juden’ treten erst in 19,20 auf, als Jesus schon gekreuzigt ist. Im Blick auf die historische Ebene schließlich kann m.E. gerade die Darstellung des Johannesevangeliums Wahrscheinlichkeit beanspruchen, dass nämlich Repräsentanten der jüdischen Führung, vor allem die Oberpriesterschaft, aus Gründen politischer Opportunität Jesus als (potentiellen) Aufrührer dem römischen Präfekten in die Hände gespielt haben (vgl. Joh 11,47–50). Die geschichtliche Überlieferung darüber wird dann aus der Erfahrung der eigenen Zeit heraus, in der man sich um Jesu willen im Gegensatz zur jüdischen Mehrheit findet, pauschalisiert.“

Klaus Wengst, Das Johannesevangelium. 1. Teilband: Kapitel 1–10 (ThKNT 4,1), Stuttgart/Berlin/Köln 232000, 332.

In Joh 8,44 wird von Jesus der Vorwurf erhoben, die Juden, mit denen er spricht, seien sogar „Kinder des Teufels“. Die Angesprochenen wiederum werfen Jesus vor, dass er ein Samaritaner sei (in unserer Sprache ein Häretiker/Abtrünniger) und einen Dämon habe (in heutigem Deutsch, er sei übergeschnappt/verrückt geworden).

„Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel, und die Begierden eures Vaters wollt ihr tun. Jener war ein Menschenmörder von Anfang an und stand nicht in der Wahrheit, weil keine Wahrheit in ihm ist. Wenn er die Lüge redet, so redet er aus seinem Eigenen, denn er ist ein Lügner und der Vater derselben.“

Joh 8,44

Diese hitzige und auch mit Beleidigungen geführte Auseinandersetzung spiegelt sehr schön den Status des Konflikts in der Entstehungszeit des Johannesevangeliums, also am Ende des 1. Jahrhunderts. Jesus tritt mit einem großen Sendungsbewusstsein auf. Die jüdische Synagogalgemeinde will sich nicht von ihrem ursprünglichen Weg überzeugen lassen. Der Bruch zwischen Christusgruppe und Synogagalgemeinde ist an dieser Stelle bereits vorgezeichnet.

Was folgt daraus?

Die kurz besprochenen Texte gehören nicht gerade zu den am häufigsten in der Kirche verwendeten. Aber Spuren der Auseinandersetzung zwischen verschiedenen jüdischen Gruppierungen und der Jesus-Gruppe finden sich auch an anderen Stellen: Die Darstellung der Pharisäer zum Beispiel ist deshalb so polemisch, weil die Positionen, die Jesus nach den Evangelien vertrat, denen der Pharisäer sehr ähnelten. Die Abgrenzung musste daher über andere Wege erfolgen. Auch die Bergpredigt enthält zum Teil solche Abgrenzungstendenzen.

Die besagten Texte kann man keinesfalls dafür verwenden, eine Ablösung des Judentums durch das Christentum zu behaupten oder jüdische Menschen zu diffamieren. Auch, wenn die These, dass die jüdische Oberschicht vermutlich ein Interesse daran hatte, Jesus um des Friedens mit den Römern und der Gemeinschaft willen auszuliefern, eine hohe Wahrscheinlichkeit hat, darf dies nicht zu einer Abwertung des jüdischen Glaubens oder jüdischer Menschen führen. In ihrer historischen Situation war die Reaktion der jüdischen Oberschicht schließlich völlig verständlich, hing die Ruhe in Bezug auf die römische Herrschaft schließlich stets am seidenen Faden am Beginn des 1. Jahrhunderts.

Nicht zu vergessen ist bei der Frage nach antijudaistischen Tendenzen in neutestamentlichen Texten die eigene unrühmliche Auslegungstradition der Texte. Nicht nur Kommentatoren des 20. Jahrhunderts neigten dem Antisemitismus zu, sondern auch schon die Reformatoren. Jegliche eigene Bibel- und Sekundärliteraturlektüre muss darum kritisch hinterfragt werden.

Die gemeinsame Vergangenheit der beiden Religionen sollte für mehr Verständnis und Respekt für jüdische Menschen führen, allerdings ohne dabei jüdische Elemente für sich zu reklamieren oder zu verklären. Das Judentum hat sich genauso weiterentwickelt wie das Christentum. Beide reklamieren mittlerweile ihre eigene Identität für sich und das ist gut so. Aber die Kirchen und alle Christinnen und Christen haben nicht erst seit der Shoah die Verpflichtung das Judentum als Herkunfts- und Schwesternreligion besonders zu achten und jedem Antisemitismus entschieden entgegen zu treten, sondern schon seit den Anfängen der Jesus-Gruppe. Das gilt nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in Schule, Christenlehre und Gemeinde. Unterrichtsmaterialien, Erzählungen oder Predigten enthalten manchmal implizit antisemitische oder antijudaistische Vorurteile. Diese sollten ausgemustert, statt weiter tradiert werden. Antisemitischer Kanzelrede sollte entschieden mit Widerspruch begegnet werden.

Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«

Röm 11,25–27

Literatur:

  • Markus Öhler, Geschichte des frühen Christentums, Göttingen 2018.
  • Klaus Wengst, Das Johannesevangelium. 1. Teilband: Kapitel 1–10 (ThKNT 4,1), Stuttgart/Berlin/Köln 232000.
  • Angela Standhartinger, „Parting of the Ways“. Stationen einer Debatte, in: Evangelische Theologie 6, 2020, 406–417.
  • Louis H. Feldman, Judaism and Hellenism Reconsidered (Supplements to the Journal for the Studies of Judaism 106), Brill/Leiden/Boston 2006, insbesondere Kapitel 7 Hatred for and Attraction to the Jews in Classical Antiquity.
  • Hermann Lichtenberger, Judaeophobia – von der antiken Judenfeidnschaft zum christlichen Antijudaismus, in: Gabriela Gelardini, Kontexte der Schrift (Bd. 1). Text, Ethik, Judentum und Christentum (FS Ekkehard Stegemann), Stuttgart 2005, 168–181.
  • Maurice Casey, Some Anti-Semitic Assumptions in the Theological Dictionary of the New Testament, in: Novum Testamentum 41 (3), 1999, 280–291.

Der theologische Montag am 30.03.2020 – Interreligiöser Dialog in der Bibel

An uns, das Team vom Theologischen Montag, war der Themenwunsch „Interreligiöser Dialog“ herangetragen worden. Dem kommen wir natürlich gerne nach. Allerdings muss der erste theologische Montag in unserer Jahresreihe leider wegen der Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus ausfallen. Als kleinen Ersatz gibt es eine Präsentation mit einer Lektüreaufgabe und vielen Möglichkeiten des Nachlesens, wenn Sie gerne mehr über die faszinierende Welt der antiken „Religiosität“ lernen wollen. Hier gehts los:

Es grüßt Sie herzlich mit den besten Segenswünschen

Nicole Oesterreich

Kirche und Staat in der Kirchengeschichte

Am 3. Juni 2019 fand in der Bethanienkirche der zweite Abend unserer aktuellen Gesprächsreihe „Wie politisch soll Kirche sein? Wie politisch darf Kirche sein?“ statt. Wie üblich haben wir versucht, das Thema einmal quer durch die Kirchengeschichte nachzuverfolgen. Die folgende Präsentation des Abends kann dazu dienen, die wichtigsten Etappen nachzuvollziehen:

Die am Abend verteilten und bearbeiteten Quellentexte finden sich hier:

Für den dritten und letzten Abend der aktuellen Reihe laden wir ganz herzlichen ein:

Die Taufe in der Kirchengeschichte

Am 19. November 2018 fand in der Bethanienkirche der zweite Abend unserer Gesprächsreihe zum Thema „Taufe“ statt. Dabei ging es traditionell wieder um die Kirchengeschichte.

Bevor wir ins Thema eingestiegen sind, haben wir gesammelt, welche Fragen man im Blick auf die Taufe überhaupt kontrovers diskutieren könnte. Das Ergebnis zeigt das folgende Bild:

dav

Im folgenden haben wir der Taufe quer durch die Kirchengeschichte nachgespürt. Das Referat, das die Grundlage für den Abend und unsere Gespräche war, wurde diesmal in einer Powerpoint-Präsentation festgehalten, die hier zu finden ist:

Präsentation zur Taufe in der Kirchengeschichte (19. November 2018)

und die folgende PDF enthält die in der Präsentation erwähnten Quellen, die wir gemeinsam gelesen und diskutiert haben:

Quellentexte

Die Erkenntnisse und Diskussionen wollen wir am dritten und letzten Abend unserer Gesprächsreihe weiterführen und vertiefen. Dazu haben wir einen besonderen Gast eingeladen: Axel Kuhlmann, Pastor der Baptisten-Gemeinde aus Halle, wird mit uns über die Unterschiede in der Tauftheologie der baptistischen und der lutherischen Kirche diskutieren. Darauf freuen wir uns und laden herzlich ein:

21. Januar 2019, Heilandskirche Leipzig-Plagwitz
Theologischer Montag
„Die Taufe im Gespräch zwischen Baptisten und Lutheranern“
mit Pastor Axel Kuhlmann (Halle)

Das Abendmahl in der Kirchengeschichte

Am 14. Mai 2018 fand in der Bethanienkirche unser zweiter Abend zum Thema „Abendmahl“ statt, an dem wir uns mit den historischen Entwicklungen und Kontroversen um das Abendmahl beschäftigt haben.

Der Abend begann mit einem kleinen Meinungsbild zu einigen der wichtigsten Streitfragen, die im Laufe der Kirchengeschichte die Diskussionen bestimmt haben:

  • Brot und Wein verwandeln sich bei Einsetzung des Abendmahls tatsächlich / symbolisch / nicht in den Leib und das Blut Christi.
  • Ob das Abendmahl wirksam ist oder nicht, hängt davon ab, ob derjenige, der die Abendmahlsfeier leitet, sich in Glauben und Leben als würdig erwiesen hat (Ja / Nein).
  • Regelmäßig am Abendmahl teilzunehmen ist für eine_n Christ_in notwendig / empfehlenswert / unnütz.
  • Da im Brot Leib und Blut Christi enthalten sind, kann man das Abendmahl auch feiern, ohne dass man den Kelch empfängt (Ja / Nein).
  • Das Abendmahl wirkt auch bei Menschen ohne christlichen Glauben (Ja / Nein).
  • Bei der Abendmahlsfeier wird das von Christus bei seinem Tod am Kreuz gebrachte Opfer wiederholt (Ja / Nein).

Alle Teilnehmer_innen des Abends konnten sich mittels Klebepunkten zu diesen auf Plakaten geschriebenen Fragen positionieren. Die Ergebnisse können den beigefügten Bildern entnommen werden. Im Anschluss begann der Durchgang durch die Epochen der Kirchengeschichte.

1. Antike

In den christlichen Gemeinden der ersten drei Jahrhunderte nach Christus dürfte eine große Vielfalt in Verständnis und Praxis des Abendmahls geherrscht haben, überraschenderweise scheint es darüber aber kaum zu Streit gekommen zu sein. Die Quellen zeigen, dass das Abendmahl ein regelmäßiger fester Bestandteil des kirchlichen Lebens war und es früh zu einer Ablösung einer rituellen Mahlfeier (Eucharistie) von der gemeinsam gehaltenen Mahlzeit (Agape) kam. Eine erste entfaltetere Abendmahlstheologie bietet der Kirchenvater Ignatius († um 110), der für das Abendmahl die berühmten Bezeichnungen „Heilmittel zur Unsterblichkeit“ (pharmakon athanasias) und „Gegengift gegen den Tod“ (antidotos tou me apothanein) prägte sowie das Fernhalten vom Abendmahl und eine symbolisches Verständnis kritisierte. Für ein realistisches Verständnis – also für die tatsächliche Anwesenheit des Leibes und Blutes Christi in Brot und Wein – argumentierten auch andere Kirchenväter wie Justin (100–165) und Irenäus (135–202), welche die Begriffe „Wandlung“ und „Opfer“ in die Abendmahlstheologie eintrugen. Das auch in den Gemeinden oft ein – theologisch wohl weniger reflektiertes – realistisches Verständnis vorherrschte zeigt sich etwa in den erbaulichen Schriften des Johannes Chrysostomos (344/9–407). Dem Gegenüber existierten durchaus auch Theologen, die – wie etwa Origenes (185–254)  – ein eher symbolisches Verständnis einer rein ideellen Gegenwart Christi vertraten. In diesem Umfeld bildete sich in der Ostkirche die bis heute von der Orthodoxie praktizierte Form des Abendmahls als Mysteriendrama heraus, welches zwischen Realismus und Symbolismus changiert. In der Westkirche betonte man stärker den Aspekt der Wiederholung des Kreuzesopfer in der Mahlfeier und konnte deshalb auf eine realistische Deutung schwerlich verzichten. Überraschend erscheint daher, dass der wichtigste westliche Kirchenvater – Augustinus (354–430) – ein eher symbolisches Verständnis vertrat. Dieser Umstand erklärt sich aus seiner Nähe zur Philosophie des Neuplatonismus, welche viele antike christliche Denker teilten. Da für den Neuplatonismus jedes Abbild unmittelbaren Anteil an seinem Urbild hat, ist ein Symbol kaum weniger wirklich als das, was es symbolisiert. Die für eine eher von Aristoteles geprägte Philosophie und Theologie entscheidende Unterscheidung zwischen Symbolismus und Realismus ist für diese Denkschule somit irrelevant. Die Abendmahlslehre des Augustinus blieb somit anschlussfähig für die sich im Westen zunehmend durchsetzende streng realistische Auffassung. Die wichtigste Abendmahls- oder vielmehr Sakraments-Kontroverse der Antike entstand daher nicht an dieser Bruchlinie sondern an der Frage nach der Würde der Spender der Sakramente. Da nach der Anerkennung des Christentums durch Kaiser Konstantin (270/88–337) zahlreiche Priester in ihr Amt zurückkehrten, die das Christentum in den vorangegangen Verfolgungen verleugnet hatten, sprach sich der karthagische Kleriker Donatus (315–355) gegen die Gültigkeit der von diesen sogenannten lapsi gespendeten Sakramenten aus. In dem folgenden Streit lehnten die Hauptströmungen des Christentums diese als Donatismus bekannte Lehre ab und bekennen sich – bis heute – dazu, dass die Sakramente kraft der der Einsetzung Christi und ihres ordnungsgemäßen Vollzugs (ex opere operato) unabhängig von der Würde des Spenders wirksam sind.

2. Mittelalter

Unter Papst Gregor dem Großen (ca. 540–604) setzte sich die Lehre vom Messopfer durch. Entscheidend ist dabei die im Rahmen der Abendmahlsfeier vollzogene Wiederholung des Opfertodes Christi und nicht die gemeinsame Mahlfeier. Dadurch wurden – und sind bis heute in der katholischen Kirche – Messen ohne Anwesenheit der Gemeinde möglich (z. B. Seelmessen für Verstorbene). In Auseinandersetzungen wie sie etwa die Mönche Radbertus (ca. 785 – ca. 865) und Ratramnus († ca. 868) aus der Abtei Corbie führten konnte der alte Streit um realistisches oder symbolisches Verständnis des Abendmahls wieder aufbrechen, wobei sich nun in der Regel schnell und nachhaltig die von der Kirchenhierarchie forcierte realistische Auffassung durchsetzte. Dies gilt auch im Fall Berengars von Tours († 1088), der mit Aristoteles entgegen der von der Amtskirche vertretenen Meinung argumentiert hatte, dass eine Wandlung der Substanz (des Wesenskerns) ohne eine Änderung der Akzidentien (äußeren Merkmale) nicht vorstellbar sei. In seinem 1059 von Papst Nikolaus II. (990/5–1061) erzwungenen Widerruf musste er äußerst bildhaft bekennen, dass „Brot und Wein, die auf dem Altar liegen, nach der Konsekration nicht nur ein Sakrament sind, sondern auch der wahre Leib und das Blut unseres Herrn Jesu Christi, und dass sie fühlbar, nicht nur sakramental, sondern wahrhaft von den Händen des Priesters behandelt und gebrochen und von den Zähne der Gläubigen zermalmt werden.“

Auch für das Morgenländische Schisma zwischen Ost- (Orthodoxie) und Westkirche (Katholizismus) von 1054 spielte die Abendmahls Lehre zumindest eine Nebenrolle: Zu den unversöhnlichen Streitpunkten gehörte hier die Frage, ob man wie im Westen ungesäuertes oder wie im Osten gesäuertes Brot für die Eucharistie verwenden sollte.

Ab dem 13. Jahrhundert entwickelte sich im Westen die sogenannte Konkomitanzlehre, also die Auffassung, dass im Brot Leib und Blut (da es Teil des Leibs ist) Christi anwesend sind und somit auch ein Abendmahl bei dem man nur das Brot empfängt vollgültig ist. Da man befürchtete die Gläubigen könnten beim Empfang des Kelches versehentlich das Blut Christi verschütten, ging man infolgedessen zunehmend dazu über, den Kelch nicht mehr an die Laien auszuteilen, die nun nur noch die Hostie empfingen.

Insgesamt führten die Durchsetzung von Messopfer und Realismus zu einer enormen Hochschätzung des Abendmahls und seiner Elemente, die sich an zahlreich berichteten Hostienwundern (häufig heilsam wirkende blutende Hostien) sowie an der Praxis der Augenkommunion (Teilnahme am Abendmahl durch bloße Betrachtung der gewandelten Hostie) und der Popularität des Fronleichnamsfestes zeigte. Nur gelegentlich kam es zu Widerspruch gegen die vorherrschende kirchliche Lehre: So kritisierte etwa Johannes Duns Scotus (ca. 1266–1308) das allzu magische Verständnis einer Verwandlung der Abendmahlselemente und die später als „vorreformatorisch“ bezeichneten Theologen John Wyclif (vor 1330–1384) und Jan Hus (ca. 1370–1415) setzten sich für die Austeilung des Kelchs an die Laien ein.

3. Reformation

Die Reformationszeit selbst war dann wesentlich mitgeprägt von tiefgreifenden Auseinandersetzungen um die Abendmahlslehre, die bis heute die christlichen Kirchen prägen. Aus diesem Grund haben wir uns mit dieser Epoche besonders beschäftigt und zeitgenössische Quellen studiert. Aufgeteilt in drei Gruppen haben wir die Aussagen zum Abendmahl in zentralen Bekenntnistexten der drei infolge der Reformation entstehenden Konfessionen untersucht. Die entsprechenden Texte können Sie hier nachlesen:

Confessio Augustana (Luthertum)

Heidelberger Katechismus (Reformierte Kirche)

Tridentinum (Römisch-katholische Kirche)

Im anschließenden Austausch konnten wesentliche Unterschiede zwischen den Kirchen ausgemacht werden. So betonen Lutheraner und Katholiken die tatsächliche Anwesenheit des Leibs und Bluts Christi in den Abendmahlselementen (Realpräsenz) während die Reformierten von einer symbolischen Gegenwart im Rahmen der Abendmahlsfeier ausgehen. Einig sind sich die reformatorischen Kirchen hingegen in der Ablehnung des vom Katholizismus gelehrten Messopfers: Das von Christus am Kreuz gebrachte Opfer ist für sie ausreichend – es kann in der Abendmahlsfeier zwar angeeignet, aber nicht wiederholt werden. Es gibt allerdings auch Übereinstimmungen zwischen allen drei Konfessionen, wie etwa die Ablehnung des Donatismus. Mittels der Übersichten vom Anfang des Abends haben wir dann die Konfessionen in Form von Porträts Martin Luthers (1483–1546), Johannes Calvins (1509–1564) und des Papstes ihrer jeweiligen Meinung zu den zentralen Fragestellungen zugeordnet (sh. die Bilder oben).

4. Neuzeit

Im frühneuzeitlichen Luthertum genießt das Abendmahl dann eine enorme Wertschätzung. Es ist fester Bestandteil des lutherischen Gemeindelebens und Gegenstand theologischer Betrachtung und frommer Übung. Nicht zuletzt der Streit um die Realpräsenz Christi in den Abendmahlselementen führt dazu, dass die lutherischen Kirchen dem Calvinismus zum Teil mit mindestens ebenso scharfer Ablehnung entgegenstehen, wie der römisch-katholischen Kirche.

Auch im Pietismus bleibt die Hochschätzung des Abendmahls weitgehend erhalten, wobei nun aber gegenüber der Selbstwirksamkeit des Sakraments die Notwendigkeit der Bereitung zum Abendmahl und der Nutzung seiner Früchte im Alltag betont werden.

Im Zuge der Aufklärung entfaltet sich ein breites Spektrum an Lehrmeinungen, dass von einer stillschweigenden Beibehaltung bis zur radikalen Ablehnung von Sühnopfer Christi und Realpräsenz im Abendmahl reicht. Die Debatten darum werden teilweise erbittert geführt, schlagen sich aber an der Basis kaum nieder: Die Abendmahlspraxis der Gemeinden bleibt bis ins 20. Jahrhundert hinein weitgehend unverändert, zumal die naturmystischen Sehnsüchte des Idealismus und der Romantik im 19. Jahrhundert dem sakramentalen Charakter eine neue Plausibilität verleihen.

Die scharfen theologischen Dispute der Reformationszeit waren aber seit der Aufklärung für viele Menschen nicht mehr plausibel, wie nicht zuletzt die im 19. Jahrhundert betriebenen Bemühungen um Unionen zwischen lutherischen und reformierten Landeskirchen zeigen. Auch wenn sich dagegen in den Gemeinden und bei vielen Theologen vor allem an der Frage des Abendmahls Widerstand regt, kommt es doch zu zahlreichen solcher Vereinigungen.

Die Erfolge der Unionsbestrebungen sowie die ökumenische Bewegung führen im 20. Jahrhundert dazu, dass viele in den Kirchen sich verstärkt um einen Abbau der Streitfragen und Uneinigkeiten in der Abendmahlslehre bemühen. Zumindest zwischen den evangelischen Konfessionen konnten dabei wesentliche Erfolge erzielt werden. Die Arnoldshainer Thesen von 1957 und vor allem die daraus hervorgegangene Leuenberger Konkordie von 1973 ermöglichen heute die volle Abendmahlsgemeinschaft zwischen Lutheranern und Reformierten. Mit der Lektüre dieses für die gegenwärtige Lehre und Praxis des Abendmahls grundlegenden Textes haben wir den Themenabend beschlossen.

Leuenberger Konkordie (1973)

„Was ist Gemeinde für dich?“

Am letzten Samstag, den 24. März 2018, haben sich die drei Kirchenvorstände unserer Gemeinden an einem Klausurtag mit der Frage beschäftigt: „Was ist Gemeinde für dich?“

Der erste Einstieg erfolgte über ein Brainstorming zu genau dieser Frage. Alle 16 Teilnehmer*innen trugen ihre Begriffe und Ideen bei. Anschließend haben wir gemeinsam ein Cluster auf dem Fußboden gelegt: 2018-03-24 15.08.28

Für die meisten unserer Kirchenvorstandsmitglieder bedeutet die Gemeinde etwas Positives wie ein zweites Zuhause, Heimat, Freude, Vertrautheit, Feste feiern, aber auch die anstrengenden Seiten wurden genannt.

Gruppenarbeit

Anschließend haben wir uns fünf Bibeltexte zum Thema in einer Gruppenarbeit angeschaut und die darin enthaltenen Bilder von Gemeinde.

  • Mt 18,12-22
  • Gal 3,25-29
  • 1Kor 12,12-31
  • Joh 10,1-18
  • Joh 15,1-8

Die Ergebnisse waren zum Teil überraschend aktuell: die Einsicht in die Parallelwelt Gemeinde, die Gemeindglieder als Hirten, ein Bild mit dem wir als Kirchenvorstandsmitglieder viel anfangen konnten. Aber auch Befremdliches war dabei: die Gemeinde als richtende Instanz oder das Leistungsprinzip: wer keine Frucht bringt, wird ins Feuer geworfen…

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Input Gemeinde/Kirche durch die Kirchengeschichte

Wie hat sich eigentlich der Begriff „Gemeinde“ entwickelt?

Im Alten Testament gibt es dafür zwei Begriffe: ˋedah und qahal. ˋedah steht für eine versammelte Menschenmenge und wurde von der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des hebräischen Textes, mit synagogh übersetzt. Qahal wird für die Kultgemeinde JHWHs benutzt und in der Septuaginta mit ekklesia übersetzt.
Zu dieser jüdischen Gemeinde gehörten nur jüdische Männer (keine Frauen, keine Kinder, keine Kastraten, keine Moabiter). Diese Kultgemeinde hatte neben der Verehrung JHWHs eine wichtige Funktion: sie war Zeugin der Gesetzgebung am Sinai (Ex 24) zu dem sie in einer Art Prozession durch die Wüste pilgerte, der Einweihung des Tempels (des ersten 1Kön 8,1-9,9/2Chr 5,5-7,22 und des zweiten Esr 6,15-18) und der Verlesung des Gesetzes (Neh 8,1-12) bei der Neugründung einer staatlichen Ordnung in Israel nach dem Exil.

Im Neuen Testament wird aus der vormals ethnisch gleichförmigen Gemeinschaft ein bunter Haufenn an Juden, Heiden, Männern und Frauen, Freien und Sklaven. Dabei fehlt der griechische Begriff ekklesia in Mk, Lk und Joh (die neue Gemeinde/Kirche gründet sich ja erst). Die Synagoge ist im NT fast überwiegend das jüdische Gebetshaus (und ihre Mitglieder), in denen die Verkündigung statt findet.

Ein bedeutender Forschungsansatz ist, die frühchristlichen Gemeinden in ihren Strukturen als analog zu antiken Kultvereinigungen zu begreifen. Zu solchen Vereinigungen gehörten alle, die ihren Beitrag bezahlten, der in der Regel zum Kauf von Zutaten (vor allem teurem Fleisch) für gemeinsame Mähler oder auch für Begräbnisse der Mitglieder (je nach Verein) verwendet wurden. Der ursprünglich aus dem Alten Testament stammende Begriff ekklesia blieb jedoch. Gemeinsam war allen Gemeinden Taufe und Abendmahl und der Bezug auf Jesus Christus. Die Formierung einer einheitlichen Lehre oder Auffassung erfolgte jedoch erst nach und nach über die nächsten Jahrhunderte in Auseinandersetzung mit konkurrierenden Meinungen.

Mit dem Wachsen der Christenheit wurde ekklesia dann auch – synonym für die jüdische Kultgemeinde – eine Bezeichnung für die im WErden begriffene Institution. Mit den Krisen dieser Institution kam – in der Aufnahme frühjüdischer apokalyptischer Gedanken – die Vorstellung der transzendenten Kirche als Versammlung der Geretteten hinzu.

Kirchengebäude, die wir heute auch Kirchen nennen, gab es erst seit dem 3. Jh., aber diese wurden nicht als ekklesia bezeichnet, sondern als kyriake – „dem Herrn gehörend“.

Eine wirklich ausgefeilte Lehre von der Kirche entwickelte sich erst im Zuge des 2. Jh. Die apostolischen Väter gingen bereits davon aus, dass es die Kirche schon vor der Schöpfung gegeben habe und auf der Erde mit Adam begann. Die Kirche garantiert dabei die Weitergabe des Geistes und die richtige Lehre durch den Bischof, was besonders in der westlichen Kirche wichtig wurde. Die Kirche umfasst dann auch die, die ausgeschieden werden im Gericht.

Das Bekenntnis von Nicäa-Konstantinopel fasst die Lehre zur Gemeinde/Kirche folgendermaßen zusammen:

Ich glaube an die heilige christliche/katholische Kirche…

Damit postuliert sie eine Einheit der Gemeinden, die schon bald durch Spaltungen und Trennungen gestört wurde.

Im Mittelalter wurde die Lehre von der Kirche soweit ausgebaut, dass die Zugehörigkeit zu der katholischen Kirche und das Untertan sein unter den Papst, heilsnotwendig war. Dagegen wandte sich Luther während der Reformationsezeit. Nach seiner Auffassung ist die Kirche das eine christliche und heilige Volk, das an Christus glaubt und Sündenvergebung empfängt. Nach der Bekenntnisschrift, die Luther und Melanchthon erarbeiteten, die Augsburgische Konfession, ist die Kirche der Ort, wo das Wort und das Sakrament in der richtigen Weise gepredigt und gefeiert werden. Jeder Getaufte ist selbst Priester.

Nach Friedrich Schleiermacher (18./19. Jh.) verbindet Christus die Einzelnen durch sein Erlösungshandeln zu einer Gemeinschaft. Dabei ist die äußere Gestalt der Kirche funktional auf ihre innere Gestalt (also die unsichtbare Kirche) hingeordnet. Die Kirche ist eine ideale Gemeinschaft, von der aus durch das Wirken des Geistes alle Bereiche der Gesellschaft durchdrungen werden sollen.

In der heutigen Zeit suchen Theolog*innen nach dem richtigen Verhältnis zwischen persönlichem Glauben und individueller (Nicht)Kirchlichkeit.

Rein rechtlich ist die „Kirche eine körperschaftlich verfasste Personengemeinschaft, die den göttlichen Auftrag, auf den sie sich bezieht und aus dem sie heraus geistlich lebt, mit Wort und Sakrament, dabei gestützt durch rechtsförmig geordnete Einrichtungen und Verfahren zur Geltung zu bringen sucht.“ (Dieter Kraus, Art. Kirche. XII. Rechtlich, RGG4 Bd. 4, S. 1031)

Quellen:

  • Günther Wenz, Heinrich de Wall, Andreas Grünschloß, Christian Grappe, Rolf Schäfer, Reiner Anselm, Karl Christian Felmy, Walter Altmann, Elmar Klinger, Reiner Preul, Peter Neuner, Dieter Kraus, Art. Kirche, RGG 4, Bd. 4, 997-1033.
  • Thilo Alexander Rudnig, Gemeinde (AT), WiBiLex, http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/19220/, letzter Abruf 26.03.2018.

2018-03-24 15.08.13

Bibel teilen mit Apg 2,42-47

Am Nachmittag haben wir uns mit der Methode „Bibel teilen“ mit Apg 2,42-47 beschäftigt:

42 Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. 43 Es kam aber Furcht über alle Seelen und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. 44 Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. 45 Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. 46 Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen 47 und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.

Diese Idealvorstellung des Lukas von der perfekten (Ur)Gemeinde, die es wohl so nie gegeben hat, kann uns als Gemeinden inspirieren. Allerdings liegt die Latte auch ziemlich hoch.

Aus dieser Bibelarbeit entstand jeweils eine Fürbitte für die Abendmahlsandacht, die unseren Tag beschloss.

Abschluss

Vorher diskutierten wir allerdings nochmal über unser Bild von Gemeinde. Was uns an diesem Tag besonders wichtig geworden ist, durften wir mit Herzen versehen. Dabei ging es besonders um die Frage, wie und ob wir überhaupt Menschen mit ruhender Kirchenmitgliedschaft in unsere Gemeinschaft integrieren können und was unsere Intention dabei ist: „Sind wir hier, weil wir glauben oder weil wir wollen, dass mehr Menschen glauben?“ Zusätzlich stellten wir fest: Wir sollten mehr Freude ausstrahlen bei allem, was wir tun und versuchen unsere Parallelwelt (unsere Sprache, verschlossene Türen, fehlende Ausstrahlung) zu öffnen. Dabei fiel das Stichwort „Willkommenskultur“, mit dem wir uns näher beschäftigen werden. Auch Denkanstöße von außen wollen wir suchen und uns mehr mit unserem Umfeld beschäftigen. Ein weiterer Punkt war die Frage zum Umgang mit Tod und Trauer in unseren Gemeinden, das wir uns für den Herbst vornehmen wollen.  2018-03-24 15.08.19

Wir danken den Menschen, die den Tag vorbereitet haben und denen, die dabei waren für einen tollen und intensiven Tag!

Nicole Oesterreich

Das Abendmahl im Neuen Testament

Am 12. März 2018 haben wir uns im Andachtsraum der Taborkirche mit dem ersten Teil unseres zweiten Panels mit dem Thema „Abendmahl unter bibelwissenschaftlicher Perspektive“ beschäftigt. Hier nun die Zusammenfassung.

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War das letzte Abendmahl Jesu ein Passamahl?

Das war die erste Frage, die unsere Pfarrerin mir bei der Themenankündigung stellte. Die Antwort ist nicht ganz so einfach. Die drei synoptischen Evangelien (Markus, Lukas, Matthäus) stellen die Erzählung vom letzten Mahl Jesu mit seinen Jüngern in genau diesen Kontext. In Mk 14,12par. ist vom Tag der ungesäuerten Brote die Rede, an dem die Jünger einen Raum suchen sollen für das Mahl. Das ist der Tag, an dem abends (die jüdische Zählung des neuen Tages beginnt mit Sonnenuntergang) das Sedermahl, also das Passamahl, gefeiert wird. Am nächsten Tag, am Samstag und Sabbat, finden dann die größeren Feierlichkeiten am Tempel statt. Am Nachmittag des Vorbereitungstages (des 14. Nisan) werden die Passalämmer geschlachtet.

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Hier kommen wir nun zum Problem mit den synoptischen Erzählungen. Alle vier Evangelien gehen davon aus, dass Jesus an einem Rüsttag vor dem Sabbat gekreuzigt wurde, also an einem Freitag ( (Mt 27,62; Mk 15,42; Lk 23,54; Joh 19,14) . Wenn das letzte Abendmahl tatsächlich ein Passamahl war, dann hätte die Festnahme Jesu während der Zeit stattgefunden, an dem normalerweise alle Juden ihre Zeit in ihrer Familie beim Seder/Passamahl verbrachten. Johannes legt das letzte Mahl an den Abend vor dem Sedermahl. Jesus wäre dann an dem Tag gestorben, an dem die Passalämmer geschlachtet werden, also am 14. Nisan. Die meisten Forscher*innen halten diese Chronologie für wahrscheinlicher, auch wenn sie natürlich auch theologisch aufgeladen ist (Jesus als geschlachtetes Lamm). Ein Argument ist, dass in den Texten des Abendmahles keine speziellen Hinweise auf ein Passamahl auftauchen. Brot und Wein gehören zu jedem normalen Essen in der Antike. Auch gibt es keine deutlichen Verweise auf die dem Passa zugrunde liegende Geschichte (Israel in Ägypten, Ex 12,1-20). Letztendlich wird es vermutlich nicht mehr zu klären sein, was die historische Datierung des letzten Abendmahls war, ein Passamahl war es vermutlich eher nicht.

Antike Abendessen

Nachdem das antike Palästina schon länger griechischen und römischen kulturellen Einflüssen ausgesetzt war, hatte sich auch die Tradition der geselligen Abendessen, Symposien genannt, dorthin verbreitet. Das wurde im Liegen verbracht, auf Liegen (clinae) mit Kissen zum Abstützen. Häufig waren diese Liegen so groß, dass drei Personen drauf passten. Klassischerweise wurden davon drei aufgestellt, sodass idealerweise neun Personen an einem Mahl teilnahmen (das nannte man dann Triclinium). Da nicht jeder in der Antike eine Villa hatte mit eigenem Speiseraum, gab es sogar in kleineren Ortschaften Räume zum Mieten. Das konnten Räume von Vereinigungen sein oder auch Räume in Synagogen.

Unbedingt dazu gehörte, den Wein der Gottheit zu widmen (das nannte man Libation). Ob auch Juden diese Form des Trankopfers durchführten ist nicht sicher, aber sehr wahrscheinlich. Wein hatte in der Antike wesentlich mehr Alkohol und schmeckte nicht so gut wie heute, sodass er mit allerlei Zusätzen und natürlich Wasser gemischt wurde (darauf basiert die Geschichte von der Wandlung von Wasser zu Wein bei Joh 2,1-12). Die Hauptspeise bei antiken Essen war Brot, das wurde in Öl oder andere Saucen gedipt. Z.B. die berühmt berüchtigte Sauce namens Garum aus vergammeltem Fisch. Dazu gab es je nach Reichtum des Gastgebers Fleisch und verschiedene Gemüse. Nach Abschluss von Vor- und Hauptspeise wurde eine weitere Libation durchgeführt. Danach wurde das Ganze lockerer, bei reichlich Wein wurde die Nachspeise gereicht.

Bei den Römern durften auch die Ehefrauen dabei sein, bei den Griechen eher nicht. Da waren die anwesenden Frauen Konkubinen, die die Männer mit Musik, Gesang und intelligenten Gesprächen unterhielten.

Die Abendmahlsworte

Sie sind an vier Stellen überliefert (nicht im Johannesevangelium). Es folgt ein synoptischer Vergleich. So heißt die Methode, wenn man ähnliche (literarisch von einander abhängige) Texte nebeneinander legt und schaut, was sich ähnelt, was sich unterscheidet. Normalerweise macht man das am griechischen Text, ich habe es der Verständlichkeit halber am Luthertext durchgeführt.

Synoptischer Vergleich

Alles, was rot ist, ist in den vier Überlieferungen gleich. Hier vermutet man die mündliche Tradition, die diese Worte überliefert hat. Anhand von blau und orange erkennt man zwei unterschiedliche Überlieferungstraditionen. Man vermutet, dass Lukas die paulinische Tradition (1Kor) kannte und übernahm und sich bewusst gegen die markinische Überlieferung entschied. Der 1. Korintherbrief ist der älteste der vier Texte (ca. 55 n.Chr.), danach kommt nach der Datierung, die die meisten Forscher vertreten, das Markusevangelium. Es ist vermutlich um 70 n.Chr. entstanden. Lukas wird auf ca. 80 datiert, ebenso Matthäus. Paulus macht deutlich, dass auch er die Überlieferung übernommen hat, sie geht also wahrscheinlich mindestens auf die ersten Christen zurück.

Lukas nimmt als einziger die Mahltradition der Antike auf, indem er zweimal vom Kelch spricht. Das Blut des Kelches verweist auf die Exodustradition, insbesondere die Geschichte, in der Mose nach dem Bundesschluss zur Heiligung das Blut eines Opferstieres verspritzt (Ex 24,8):

8 Da nahm Mose das Blut und besprengte das Volk damit und sprach: Seht, das ist das Blut des Bundes, den der HERR mit euch geschlossen hat auf Grund aller dieser Worte.

Mit der Gabe von Jesu Blut am Kreuz werden die Christen in den alten Bund zwischen Gott und den Israeliten hineingenommen (Mk, Mt), bzw. wird ein neuer Bund geschlossen (Paulus, Lk).

Der Vers mit dem Weinstock ist der Gattung nach ein prophetisches Wort und verweist auf den baldigen Tod Jesu, aber auch mit seiner Hoffnung auf das baldige Kommen des Reiches Gottes.purple-grapes-vineyard-napa-valley-napa-vineyard-39511.jpeg

Matthäus spricht als einziger von der Vergebung der Sünden. Das geschah in Israel normalerweise mit dem Beladen des Sündenbockes an Jom Kippur, der dann in die Wüste geschickt wurde, später dann auch mit rituellen Waschungen (dazu gehörte auch die Johannestaufe). Matthäus bezieht seine Deutung jedoch scheinbar auf das vierte Gottesknechtslied (Jes 52,13-53,12). Dort heißt es:

6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. 12 Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.

Zum Weiterlesen

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Markus Öhler, Geschichte des frühen Christentums. Der Spezialist für antike Vereinigungen…

Nicole Oesterreich